Ein furioser Abschluß der Kulturwoche des noch jungen Kunstvereins art
& vielfalt sollte der Abend des 8.7.01 werden. Nach zwei eindringlichen
Beiträgen zum Thema Intoleranz sollte die Mauer, das zentrale Kunstwerk
des Konzeptkünstlers Karl-Heinz Petersen, als Symbol für die Mauern
in unseren Köpfen von Künstlern und Veranstaltungsbesuchern in einer
gemeinsamen Aktion zum Einsturz gebracht werden. Ein furioser Abend wurde es
dann auch, wenn auch in für die meisten Besucher überraschender Weise.
Während des Verlaufs der Kulturwoche hatte die Mauer als gleichermaßen
real-existierend funktionaler wie auch symbolischer Hintergrund eines bunten
Kaleidoskops kultureller Beiträge gedient. Ob Performance oder Flötenkonzert,
ob Texte von Tucholski oder Bremer, ob Jazz oder Cross-over, die Mauer war da,
in des Wortes doppelsinniger Bedeutung.
Am Abend des 8.7. verlor sie ihre Unschuld und wurde "schuldig" gesprochen.
Die Schuld bekam einen (den?) Namen: Nationalsozialismus und Judenverfolgung,
Intoleranz gegen die üblichen Minderheiten: Schwule, Ausländer, Farbige
und Behinderte. Nun wußte ich es wieder: Ich als "Schwuler"
gehöre einer Minderheit an und bedarf somit der Toleranz ("Duldung").
D-u-l-d-u-n-g ??? Danke. Wie war das doch gleich mit den Mauern in unseren Köpfen?
Den Hauptbeitrag des Abends, die Verlesung eines Textes des Stadtarchivars Dr.
Obst zur Judenverfolgung in Neumünster durch den selbst vom NS-Regime betroffenen
Wolf-Dieter Plaut begleiteten dramatisch inszenierte Hammerschläge gegen
die Mauer, die nicht nur an den Hallenwänden sondern auch in den Magenwänden
der Besucher widerhallten. Götterdämmerungsstimmung. Konzeptkunst
oder Polit-Performance?
Thomas Mann läßt seinen Hans Castorp im "Zauberberg" seinem
Verhältnis zu Pribislav Hippe keinen Namen geben, denn "ein Name bedeutet
Unterbringung im Bekannten und Gewohnten". Bei Thomas Mann geht es um durchaus
Zwischenmenschlich-Subtiles. Geht es nicht auch in der Kunst um das "Subtile",
das "Nicht-Ausgesprochene", die non-verbale Kommunikation und Provokation?
Darf Konzeptkunst "einen Namen geben", ohne damit ihren Anspruch auf
Kunst preiszugeben?
In unvorhergesehener Weise wurde im weiteren Verlauf des Abends der Mauer eine
überraschende inhaltliche Rückwandlung zuteil. Das Zischen von Spraydosen
kündete es an: eine Gruppe von Sprayern machte sich daran, die braun gestaltete
Mauerrückseite mit buntem Graffiti zu übermalen. Die aneinandergereihten
T-Shirt-Rückflächen einer Gruppe junger Leute signalisierte die Absicht
ihres Tuns unmißverständlich: "save the wall". Kaum hatte
Karl-Heinz Petersen zur Demontage der Mauer angesetzt, kletterte diese Gruppe
auf die Mauer, um sie zu besetzen und den Abriss zu verhindern. Die Mauer solle
erhalten bleiben als legale Fläche für Graffiti und als symbolischer
Ort für weitere kulturelle Veranstaltungen, konnte, wer wollte, erfahren.
Nach anfänglichem Beifall der Besucher (war das vielleicht eine geplante
und vorgesehene Performance angesichts der ja allseits bekannten Kultursituation
in Neumünster?) machte sich zunächst Ratlosigkeit breit, die aber
bald einer Emotionalität mit teilweise unverhohlen aggressiver Komponente
auf beiden Seiten zu weichen drohte. Nein, die Zerstörung der Zerstörung
des Konzeptkunstwerks wolle man sich nicht nehmen lassen. Es gehe dabei ja schließlich
um die Intoleranz, die man zerstören wolle, und diesem Ansinnen gebühre
Respekt. Aber auch die Mauerbesetzer forderten Toleranz - für ihr Interesse
an einer real-existierenden Mauer, auch wenn diese nur symbolisch für einen
kulturellen Raum stehe.
Toleranz? Intoleranz? Da war sie wieder, die Mauer. Real zunehmend in ihrer
Existenz bedroht und unter der Wucht des Vorschlaghammers zerbröselnd,
wuchs sie in den Köpfen als Symbol alltäglichen Eigenanspruchs auf
Toleranz zu neuer (alter) Größe und verlor auch wieder ihren Namen.
Intoleranz kennt keine Namen. Intoleranz kennt nur Menschen und begleitet uns
als symbolische Mauer in unseren Köpfen auf allen unseren Wegen - da hilft
auch keine Abrißbirne. No progress without conflict - eine alte philosophische
Weisheit.
Ob die Mauerbesetzer wußten, was sie taten? Da mögen Zweifel bestehen
bleiben. Den Abriss der Mauer konnten sie nicht verhindern, aber sie haben einen
Spiegel vorgehalten und "infrage gestellt" - und (vielleicht unbewußt)
der Mauer als Konzeptkunstwerk einen Dienst erwiesen.