Mein Lieblingsort: NEUMÜNSTER -
hier bin ich Mensch und Schwein, hier kann ich sein



Neumünster? Stadt des Durchzugs. Ost-West-Nord-Süd.Knotenpunkt. Durchfahrt. Ein weites Feld" - ein weiter Fleck. Offen nach allen Seiten und wie ein Fettklumpen zerfließend. Keine Chance für einen Kristallisationspunkt höherer Qualität. Durchfall. Flach wie der Standort eben. Für dies und das. Bescheidene architektonische Nichtigkeit, ein Sammelsurium, ein Gemischwarenladen ohne Besonderheiten. Duft der kleinen Welt selbstgestrickter Hausmannskost. Ohne spezielles. Luxus als Verrat- gewöhnliche Macht der schlichten Notwendigkeit. Alles solide. Standort für beide Beine auf der Erde.
Traditionell Arbeiterstadt, ein Alltags-Aller-Welt-Ort - mit dem höchsten Anteil der lohnabhängigen, die sich eine Scholle plus Häuschen erschuftet hatten - das Siedlungs-selbstwerter- Wesen. Kaninchen-, Hühner-, und Schweinestall, Drangeimer mit Deckel neben der Regentonne - Grünkohl aus dem Boden vor der Hintertür. Stina Lohmann in voller Blüte. Feierabend: bauen, basteln, ausmisten - die Erde umgelegt, gerade Reihen für den Dung oder Bier und Korn beim Geflügelzuchtvereinstreffen. Der Sparclub-Ball bleibt Höhepunkt der Saison. Mehr gesellschaftliche Ereignisse hält man nicht aus...

Da hilft kein Image-Lack. Es lässt sich nicht verleugnen. Neumünster lebte immer von unten. Die gehobene Schicht war rar und eine abgehobene Kunst- oder Kulturwelt "von oben" hatte hier keine Chance.
Wer in diesem Bereich etwas wurde, schaffte es aus Trotz oder Verzweiflung gegen das Gesetz des Milieus. Fallada als Kronzeuge.

Alles ganz normal. Keine Klagen über den Mangel an Kultur. Diesen überflüssigen Überfluss. Das Leben im Schrebergarten und fröhliches hämmern im selbstgebauten Schuppen - was will man mehr an Glück, wenn der erste Fink finkt und zuschlägt und die Primeln in zeitlos unvergänglicher Pracht durch die noch halb gefrorene Erde explodieren, dass der Hahn vor Frühlingsfreude platzt und nicht aufhört mit dem trompeten - und man das Können noch hatte, einen Reisig zu pfropfen.

Standort des elementaren. Kein Raum für Schaumschlägereien. Eher wurde mal kräftig zugelangt. Ein Lob dem Proletentum. Das Zuschlagen der entschiedenen Eindeutigkeit. Wer mehr wollte, elitären Ober-Überbau-Quatsch, hatte Kiel oder Hamburg vor der Tür. Fluchtpunkt Neumünster. Schnell bist du weg in alle Richtungen. Auch in schöne Landschaften. Ein nichts?

Alles ganz normal. Ohne Ablenkung. Das ist der Wurzelgrund dieser Stadt. Das war schon eine Art Gewöhnlichkeit, die schon wieder ins besondere überlappt. Positive Kleinkariertheit - Mini-München, da lebt so was noch.

Und nun? Eine Hochglanz Verpackung muss her, eine Identität gefunden werden (ja, verdammt, wo steckt sie denn? Wo versteckt sie sich denn?), eine Marketing- Aktion soll nichts in etwas verwandeln...
Da haben die modernen Wundertäter eine Menge zu tun, um den zweiten Blick in einen ersten zu verwandeln- "LIEBE" ergibt das eh nicht. Auch keine Erlebnis-Sahne, die man heutzutage beim Einkaufen braucht, damit shoppen sich lohnt...da können die bayrischen Buben sich auf dem grossen Flecken noch sehr die Schenkel wund und platt kloppen. Und auf der Weinköste saufen wir Bier...

Die Innenstadt ist Wegzug. Abzug. Umzug. Leerräumigkeit. 74 000 Menschen werden in Zukunft noch in NMS wohnen - die Zersiedlung schreitet fort - wie eine Soße ergießt sich alles in die Weite der Ränder - und der Verkehr nimmt zu - die Innenstadt wird noch öder - und alles ist überall zu groß und wird sich auf Dauer nicht halten: Das totgeborene Parkcenter; das neue Kino (die Pleite von Morgen); das Sagerviertel; das Weiland-Karstadt-Bücherangebot (Schwierigkeiten für die kleineren, die auchdem Trip folgen müssen, immer langweiliger zu werden? Aber die Buchhandlung Delfs in Husum - da lebt noch das Abenteuer), die Baumärkte mit Pflanzen-und Gartenkram (ein Lob auf Schneede), die Medien-Märkte und nur die Handy-Lokale blühen, damit schneller immer häufiger über nichts mehr gequatscht werden kann... und wie viele Möbel und Autos und Klamotten müssen wir täglich denn sperrmüllen oder recyclen , damit die Häuser dieser Branchen nicht den Bach runter geh´n?

Die Sünden der großkotzigen Kommunalpolitik der Vergangenheit (HARDERISMUS) rächen sich. Sie haben die Bescheidenheit der kleinkarierten Arbeiterstadt ausradieren wollen, hatten vor, zur METROPOLIS in der Mitte des Landes zu werden. Sie haben die positive Alltäglichkeit dieses Lebensraumes nicht akzeptiert - fast alles weggerissen und flachgemacht, was es an Fabrikgebäuden gab, die man sinnvoll hätte nutzen und architektonisch ergänzen können. Keine lebendige Kleinheit und Vielfalt der Geschäfte um die Ecke und im Kern mehr- keine kulturellen Treffs für Selbstinitiativen (Reichshalle und Kommunales Kino hatten ja schon einen Namen), aber die amputierte Stadthalle musste es ja sein - und der Stadtsparkasse helfen sie mit der Miete für die Bücherei den Hässlichkeitsbau zu finanzieren...

Und jetzt suchen sie Verzweifelt nach einem Zauberwort der Verschleierung....

Mich kratzt das immer weniger. Hab meinen Schuppen, mein Petersilienbeet, meine Ruhe- nichts versäumst du hier: der grösste Vorteil! -bin mir selbst der Ort der WESENTLICHKEIT und übe mich höchstens im MOTZEN. Zum Glück: In dieser Stadt leben sehr wohl interessante Menschen- und wenn die die KULTUR sind, kann das nur ein DAGEGEN sein. Und das POSITIVE? Ja, wo bleibt es denn? Wo läuft es denn hin? Immer nur weg aus dieser Stadt?

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