Worte zum zweiten Sonntag von "art & vielfalt"


> Artikel zur Veranstaltung am Sonntag Abend vom Courier aus der Ausgabe -
   Dienstag, den 10.7.2001 von Gabriele Vaquette


> Kommentar zum Abschluss der Ausstellung

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Zunächst lief alles ganz artig.
Bis zum leisen Psssssssss.
Fehlwahrnehmung ?
Oder war doch was zu hören ?
Und wieder das spitzdüsige Geräusch.
Immer entschlossener.
Musik ?
Erste wagten einen flüchtigen Blick hinter die Mauer. Mit dem nächsten war ihre Aufmerksamkeit auch schon ganz in das Jenseits des Programmablaufs verloren. Die wachsende Neugierde nach dem undurchsichtigen Geschehen durchzog selbst reife Vornehmheit im Publikum mit jugendlich unartigem Drang zur Abkehr vom Redner diesseits der Mauer. Die Spannung setzte zum Bogen an. Sonntag. Exakt 7 Tage nach Eröffnung der Kunst- und Kulturwoche des noch frisch gegründeten Vereins "Art und Vielfalt". Neumünster, Industriebautenatmosphäre Wrangelstrasse. Hallenakustik. Kalkig bröckelnde Wände, Betonfußboden provoziert von widerspenstig dezentem Teppichorange. Ein Geruch von Predigt, die Luft schwül. An diesem Ort stand eine Woche die Mauer des Konzeptkünstlers Karl-Heinz Petersen und wartete in stolzer Anmut auf ihren Niederriss zum Ausdruck der symbolischen Zerstörung der Intoleranz. Endlich dann entließ der Redner die Ungeduldigen in die Entdeckung des Unvorhergesehenen. Maskierte. Aerosol. Zischen. Berlinerinnerungen. Ein knappes Dutzend junger männlicher und weiblicher Typen bewegen sich vor drei Sprayern hin und her. Der Konzeptkünstler im Mantel mit dem Vorschlaghammer in der Hand ist entschlossen sein Werkobjekt in die abschließende Szene zu führen. Die Mauer wird gegen ihren Meister versperrt. Die Ungeladenen formieren die Lettern auf ihren Rücken zu einem gemeinsamen Schild: "Save the Wall". Kurz darauf besteigen und besetzen sie die Mauer.
Verhandlungsversuche schlagen fehl. Die Mauerbesetzter zeigen sich verhalten im Wort. Die Stimmung droht zu explodieren und speit Unsicherheit, Wut, Angst und nervöses Auf und Ab. Die Journalisten rätseln über den Status des Aktes: Inszeniert als Teil des Konzeptwerkes? Die Idee der Inszenierung gerät ins Wanken unter den unhaltsamen Emotionen und Ausbrüchen der Anwesenden. Hammerschläge. Starke Männer entschlossen zur Tat. Wut. Raserei. Dazwischen ein Aufruf zur Anerkennung der Spraykunst. Ein Presslufthammer. "Hiermit trete ich aus dem Verein aus" schreit es aus dem Lautsprecher. Ein anderer erklärt seinen Beitritt.
Das Geschehnis kann nur in Bruchstücken verfolgt werden. Aggression. Überall geschieht etwas. Bewegungen. Hektik. Betroffenheit. Keinem scheit mehr die Distanz zu gelingen. Einstellungen und Meinungen wechseln viertel- und halbstündig. Gesichter. Ausdrücke. Es ist laut und laut. Der Konflikt schreit. Break. Fragen:

Dient eine Mauer dem Mensch nicht auch zum Schutz und Wohnen? Eine Mauer, reduziert und verurteilt als einseitiges Symbol für Intoleranz - unterstützt das nicht die Macht des Klischees? Fördert das nicht ausgrenzende Denkstruktur? Wird dieses Prinzip der Idee von Vielfalt gerecht? Ist die Mauer nicht nur Stein auf Stein - weder gut noch böse? Verleiht nicht der Mensch ihr erst Bedeutung? Müssen Ruinen hinterlassen werden, wo Mauern waren? Oder: Kann man nicht einfach eine Tür einbauen, um auf die andere Seite auch ohne Zerstörung zu gelangen? Wandlung statt Abriss? Sind diese Fragen korrekt?

Wer an diesem Abend zum Abschluss der ersten Veranstaltungsreihe des Vereins zur Förderung des Kunstschaffens in Neumünster in die Wrangelstrasse kam, wird sicherlich noch lange über Intoleranz und ihre Bedingungen, Ursachen, Folgen und Begleiterscheinungen nachdenken müssen.

Ein Stück Mauer blieb erhalten. Ein Stück Mauer fiel. Es gab keine Verletzten und viele Fragen sind offen. Neumünster ist lebendig. Danke.

Neumünster, 09.07.01


Nachtrag 11.07.01 00:56

Zunächst wollte ich meinen Namen vermeiden, um die vorstehenden Worte nicht der Gefahr der Verfälschung auszuliefern.

Ich hatte durchaus das Gefühl, die Mauerbesetzer unterstützen zu wollen. Doch ich kann erst dann entschlossen Position versuchen, wenn ich es auch sprechend tun könnte.

Konflikt ist für mich das, was jede Entwicklung zur Vorbedingung hat.
Ich bin dem Ereignis gerne Schüler und freue mich, daß ein geschaffenes Werk in der Stadt noch heute sichtbar und wahr ist, das eigentlich hätte niedergerissen und abgetragen werden sollen.
(Auf mich machte die Mauer übrigens nie einen Eindruck von Intoleranz).

marc@polimorf.de
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